Es ist schon ein bisschen her, da befand ich mich am Heiligabend in einer Runde mit 15 jungen Männern. Hinter mir eine fest verschlossene Eisentür, vor mir Fenstergitter von mindestens 20 Millimeter Rundstahl. Es war in einer Jugend-Justizvollzugsanstalt. Ich war hier aber kein Besucher, sondern ein Beteiligter. Für sechs Monate sollte ich mich daran beteiligen, etwas Sinnvolles für und mit jungen Inhaftierten zu tun.

Und nun war Heiligabend. Die Jugendlichen saßen auf ihren eisernen Hockern und warteten auf etwas. Und dann kam es: Die Tür wurde geöffnet und herein kam der Weihnachtsmann mit Paketen. Die wurden verteilt und jeder bekam seins. Dann ging es ans Auspacken. Und schon beim Auspacken fiel mir etwas auf: Manche freuten sich, andere kaum oder gar nicht.

Nicht alle hatten ein Paket von zu Hause gekriegt. Einige bekamen ein „Knastpaket“. Und nun konnte ich beobachten: Die, die eins von zu Hause, von Mutter, Vater, Geschwistern oder Freunden bekommen hatten, waren gespannt. Manches Pokerface bekam rote Augen, angerührt von der Liebe, die da in das Paket investiert worden war. Denn es zeigte: Du bist nicht vergessen.
Doch bei denen, die das Knastpaket erhalten hatten, gab es lange, leere Gesichter und vor allem das Gefühl: Ich bin vergessen.

Mir ging wieder auf: Selbst die, die so cool und sicher taten, brauchen wenigstens einen Menschen, von dem sie wissen: Der vergisst mich nicht, dem bin ich wichtig, der lässt mich trotz allem nicht fallen. Und wenn es ihn nicht gibt?

Doch in der Runde gab es noch einen besonderen Lichtblick, nämlich die Botschaft, dass Gott uns Menschen ein Geschenk aus wirklicher Liebe gemacht hat. Wir sollen nicht leer ausgehen, an unseren Verschuldungen nicht verzweifeln müssen. Er hat seinen Sohn, Jesus Christus, in unsere Abgründe, in die finsteren Täler und Einsamkeiten geschickt. Er wartet darauf, dass wir seine Stimme hören und ihn in unser Leben lassen.

Manchen in dieser Runde überraschte diese Botschaft, andere gingen nachdenklich in ihre Zellen, und in einigen Augen wurde es heller.

Als ich in meine angemietete triste Zelle ging, zündete ich mir eine Kerze an und war sehr froh. Es war wirklich Heiliger Abend geworden.

Lauter Hartmut 2014 web

 

 

 

 

 

Hartmut Lauter
GRZ Krelingen